Ein Infinity-Pool verspricht einem ja im Wortsinn einen ungestörten Blick in die landschaftliche Unendlichkeit. Der Pool im Weissen Kreuz, wo wir keine 30 Minuten zuvor eingecheckt haben, tut das nicht. Vermutlich möchte er auch gar nicht so genannt werden. Mit den Beinen im Wasser und den Armen auf dem Poolrand schauen wir direkt in einen wilden Nachbarschaftsgarten mit Trampolin. Dahinter ein Stall. Und als wolle uns der Moment mit größtmöglichem Nachdruck sagen, dass das hier nicht das klassische Hotelpool-Setting sei, fährt in diesem Moment ein Anhänger voll Heu auf Augenhöhe durch unser Bild – auf dem Weg zur Scheune, in die wir ebenfalls reinschauen können. Es liegt der Duft von Landwirtschaft in der Luft, und das ist wunderbar.
Disclaimer: Die Reise erfolgte auf Einladung des Hotels. Meine Berichterstattung bleibt davon unberührt.
Geborgen und angekommen
Wer in diesem Moment die Nase rümpft und sich einen unverstellten Blick ins Tal wünscht, hat das Weisse Kreuz nicht verstanden – und einfach auch nicht verdient. Der Charme dieses Ortes, das kann ich nach drei Tagen sagen, entsteht nicht durch die krampfhafte Erfüllung von Design- und Lage-Standards, die alpine Top-Hotels klassischerweise erfüllen (müssen). Da ist etwas anderes, das einen schnell in seinen Bann zieht: Verwurzelung im Ort, Familie, Tradition, ein eigener Stil und ein besonderer Anspruch. Geborgen und angekommen fühlt man sich hier – und zwar schon nach Minuten.

Unser Zimmer liegt ein paar Meter über Poolniveau, und wer Infinity sucht, findet hier dann doch seine Infinity – in Form eines Balkons mit Blick in Richtung Ortler und Cevedale, die ihre weißen Gletscherkuppen auch im Hochsommer nicht hergeben. Von dort aus wird auch deutlich, warum es sich im Garten des Hotels so heimelig anfühlt: Das Weisse Kreuz reiht sich wie selbstverständlich ein in die teils historischen oder zumindest alteingesessenen Häuser des Vinschgauer Örtchens Burgeis. Die Gartenanlage grenzt in alle Richtungen an kleine private Grundstücke, eine Sennerei und einen Bauernhof mit Kühen. Ich brauche eine Weile, um zu verstehen, was das mit mir macht.
Ein Dorfhotel im besten Sinne
Dann verstehe ich: Die in den Ort integrierte Lage nimmt der gesamten Anlage das Gefühl von Sterilität und Künstlichkeit, das viele Hotels zwangsläufig umweht. Das Weisse Kreuz fügt sich so organisch ins Dorf ein, dass einen das Gefühl einer privaten Ferienwohnung umgibt – oder gar der Eindruck, man sei zu Gast am Pool von Freunden. Das muss man erst mal schaffen als Hotel. Ist das vielleicht sogar der ganz große Luxus? Das frage ich mich mit Blick in die vor Früchten fast berstende Himbeerhecke vom Nachbarn.

So romantisch verklärt das klingt und sich anfühlt: Das Weisse Kreuz ist im selben Moment ein moderner Ort voller Ambition. Als ich am Ankunftstag um 16 Uhr durch die Hotelgänge schleiche, begegnen mir in einer dunklen Ecke zwei Gestalten, die sich konspirativ um einen Fleischreifeschrank versammelt haben. Es sind Marc Bernhart und Kay Baumgardt, die Köpfe der Hotelkulinarik. Seit 2022 hat das Weisse Kreuz ein eigenes Gourmetrestaurant bekommen, das Mamesa. Seither hagelt es Auszeichnungen – mittlerweile sind es 4 Hauben und 17 Punkte im Gault&Millau.
Kulinarik mit großen Ambitionen: Das Mamesa
Zurück zum Reifeschrank: Hier hängt ein riesiger Saibling und reift, doch das Augenmerk der sich beratschlagenden Herren gilt einem kleinen Thunfisch-Cut am Schrankboden. „Den haben wir mit Koji geimpft“, ist die kurze, aber vielsagende Erklärung. Dekodiert bedeutet das so viel wie: Wir kochen hier nicht nur fürs Hotel, sondern auch für uns – weil wir Foodnerds sind und unseren Job lieben. Genau das erleben wir wenig später beim Abendessen im Mamesa.

Das Menü im Mamesa
Den pittoresken Blick aus der komplett verglasten Front des Gourmetrestaurants teilt man sich mit den Gästen der Halbpension. Eine Glaswand und ein neuer Anbau haben dem Mamesa aber einen eigenen Ort gegeben. Die räumliche Trennung sorgt für Ruhe, Fokus und Spannung im positivsten Sinne. Marc Bernhart und Kay Baumgardt schicken die ersten Grüße – und wir sind hellwach. Sie rufen uns durch drei Amuse-Gueules zu: „Bitte erwartet heute Großes.“ Die Praline aus Gänseleber und Räucheraal sitzt auf einem mit Apfel gefüllten Hörnchen und schmilzt unmittelbar bei Mundkontakt. Einmal Augenschließen und rein ins Menü.

Ein gereifter Saibling mit Thunfischbauchwürfeln lässt mich kurz an die Szene am Dry Ager denken und holt mich mit einem betörenden Shiso-Sud jäh ins Jetzt zurück. Kühl, schmelzig, mit milchsauren Spitzen von fermentiertem Rettich und einem kräutersüffigen Sud mit Sesamhauch. Es ist aber vor allem die mürb-cremige Textur des Saiblings, die von der Trockenreifung herrührt, die dieses Gericht auf ein neues Level hebt. Großer Start.






Ein „Laugenswirl“ kommt an den Tisch und entpuppt sich als Brotgang, der Signature-Dish-Potenzial hat. Patissier Kay Baumgardt hat einen Plunderteig nach Croissant-Prinzip tourniert und mit Lauge gebacken. Das Ergebnis: buttrig, duftig, blättrig, knusprig. Dazu gibt’s Speck, eingelegten Spargel, Griebenschmalz und Almbutter. Und jede abgerissene Tranche dieses laugigen Geniestreichs macht uns ein wenig wehmütig.
Ein Gang zum Erinnern
Und dann steht plötzlich ein kleiner Snack vor mir, der mich allein beim Anblick wissend lächeln lässt: zwei krosse Chips aus knusprig ausgebackener Entenhaut. Dazu reicht der Service ein kleines Schälchen mit Pfifferlingen, Shiitake, Gänseleber und Wintertrüffel. Ein Sud aus Steinpilz und Entenfond wird angegossen. Mein Kopf addiert die Zutaten, multipliziert sie mit dem Entencrunch und weiß: Das hier wird denkwürdig. Ist es dann auch. Ehrlich gesagt ist es keine große Überraschung, dass dieses Kollektiv an Zutaten einen großen Gang generiert – ja fast schon erzwingt. Die Konsequenz, in der jede Komponente zubereitet, gewürzt und proportioniert wurde, lässt mich erneut die Augen schließen. Es ist ein Gang fürs Regal der großen kulinarischen Erinnerungen.


Es folgen weitere Glanzstücke: eine perfekt gegarte Rotbarbe im Bouillabaisse-Sud, ein Trio vom Balfego-Tuna mit einem spektakulären Otoro-Nigiri, gewissenhaft gebratene und klassisch französisch zubereitete Froschschenkel (mein erstes Mal) und drei Süßigkeiten aus Kay Baumgardts Kopf und Hand. Auch wenn das Hauptdessert auf Paprika-Basis für meinen Geschmack etwas zu sehr ins Vegetabile driftet, ist durch die Bank spürbar, dass hier mit größter technischer Präzision und gebündeltem Gefühl für Geschmack gearbeitet wird. Das Duo Bernhart/Baumgardt – so fühlt es sich zumindest an – pusht sich hier gegenseitig in ungeahnte Höhen. Es ist eine Freude, das zu erleben.
Was soll nach so einem Auftakt noch kommen, fragt man sich in diesen Momenten. Die Antwort: die Halbpension! Und das ist nicht halb so lustig gemeint, wie es klingt. Denn im Moment des Gedankens kommt mir in den Kopf, dass die ja aus derselben Feder und Küche kommt wie das gerade genossene Gourmet-Dinner. Für mich ist genau dieser Umstand ein handfestes Argument dafür, ein Hotel zu buchen. Im Weissen Kreuz gibt’s abends standardmäßig vier Gänge, die ebenso konsequent gut gekocht sind – nur eben auf einem Level, das sich auf 100 Gäste skalieren lässt.




Wohnen mit Geschichte: Ansitz zum Löwen
Mit 47 Zimmern und Suiten hat das Weisse Kreuz eine charmante Größe. Es wirkt nie voll – selbst dann nicht, als die Sonne den Pool am späten Nachmittag in goldenes Licht taucht und es wirklich keinen vorstellbaren Grund mehr gibt, im Zimmer zu bleiben. Apropos: Am Morgen der Abreise zeigt mir Inhaberin Mara noch die sehenswerten Zimmer im Ansitz zum Löwen, der ebenfalls zum Hotel gehört. Ein historisches Haus, das vor etwa 50 Jahren in den Besitz der Familie kam und in den letzten Jahren behutsam renoviert wurde. „Das Holz in den Zimmern war so gut erhalten, dass wir alles einmal ausgebaut, etwas restauriert und wieder eingebaut haben“, erzählt sie. „Oma hat bis heute nicht verstanden, welchen Schatz sie damals für relativ wenig Geld in baufälligem Zustand gekauft hat“.
Die zehn Zimmer, die dort entstanden sind, knarzen, leuchten im warmen Lampenlicht in goldenen Holztönen, lassen nur wenig Licht durch die kleinen Fenster und tragen Spuren der Geschichte in sich, denen Mara und das Architekten-Team hier ganz bewusst den Vorrang vor brutalen Eingriffen ließen. Allein am Schlaf- und Duschkomfort hat man sichtbar geschraubt. Auch hier: Kein Infinity-Blick, sondern Atmosphäre, gemacht durch Geschichte, Material und Mensch. Das ist es, was den Charme im Weissen Kreuz ausmacht.