Am Fuß der Seiser Alm: Drei Tage im Hotel Lamm in Kastelruth

Darf ich Ihnen zur Begrüßung einen Drink servieren? Wir nicken und sind gespannt. Begrüßungsdrinks sind ein spannender Indikator für den kulinarischen Anspruch eines Hotels. Ich habe schon an grauenhaften Drinks in schillernden Farben genippt, um schnell mit Wasser nachzuspülen. Wie wird es heute?

Wir sitzen im Hotel Lamm in Kastelruth. Direktorin Verena Gabrielli hat uns eingeladen – charmant und unkompliziert – und wir haben einfach Ja gesagt. Ein Trip in den Goldenen Oktober am Rande der Seiser Alm braucht wenig Überredungskunst und das Hotel Lamm verspricht von außen einen spannenden Mix aus gehobener Kulinarik und alpinem Erholungsflair.

Hotel Lamm, Kastelruth

Es erreicht uns ein Tablett mit zwei ästhetischen Steintassen. „Ein Erdbeergetränk“ wird uns vorgestellt und mein Hirn feuert Signale größter Skepsis. Gerade die Erdbeere, die Frucht, die aromatisch oft so maßlos übersteuert wird. Die erste Nase beruhigt: Erdbeermarmelade. Heimelig, nicht künstlich. Der erste Schluck sagt: Das ist gut! Ein sanfter Erdbeer-Auszug, dezent gesüßt und mit einem vollen, aber natürlichen Geschmack reifer Erdbeeren. Das ist gut! Vorfreude-Regler hoch und rein ins Zimmer, über eine Treppe, die mit einem grobmaschigen Teppich überzogen wurde. Es ist einladend.

Zum Einmummeln schön

Das Hotel Lamm wird von den Seiser Almbahnen betrieben. Direktorin Verena Gabrielli und das Küchenteam um Marc Oberhofer haben vor etwa fünf Jahren ein frisch renoviertes Hotel übergeben bekommen, mit dem Auftrag, ihm Leben einzuhauchen. Die Direktorin beschreibt das Konzept des Hauses bei einem ausführlichen Gespräch beim Frühstück plastisch: „Drinnen soll man sich fühlen wie in einem gemütlichen Bau. Oben hat man das Licht und die Weite.“

Das trifft es gut. Die Zimmer sind urgemütlich, mit weichem Material ausgekleidet, weichem Parkett, viel indirektem Licht und sehr bequemen Betten. Zimmer, bei denen man sich sogar überlegt, den Mittagsschlaf aus dem Spa-Ruheraum ins Hotelzimmer zu verlegen. Denn wenn nachmittags die flach stehende Sonne direkt aufs Boxspring-Bett scheint, dann ist das schon wirklich zum Einmummeln schön.

Ikonischer Spa auf dem Dach

Gut, dass die Entscheidung Spa vs. Zimmer keine echte Entscheidung ist, sondern lediglich eine Frage des zeitlichen Ablaufs. Unsere schöne Suite liegt im vierten Stock, keine 30 Sekunden Gehweite von der Tür zum Dachgeschoss-Wellnessbereich entfernt. Dort betritt man jenes lichtdurchflutete Reich, von dem am Frühstückstisch die Rede war. Ein lamellenartig gefächertes Holzdach überstreckt den Pool und den zentralen Ruheraum und die durchscheinende Sonne hinterlässt markante Lichtstreifen auf Boden und Wänden. Das ist so ikonisch, dass ich den Pool bereits von dutzenden Instagram-Fotos kenne. Dabei handelt es sich nicht um einen Infinity-Outdoor-Pool, sondern schlichtweg um ein äußerst ästhetisch vollendetes Indoor-Becken mit außergewöhnlichem Lichtkonzept. Smart gedacht. Ikonisch umgesetzt.

Die Lampl Stuben

Punkt 19 Uhr leitet uns der Service ins Gourmet-Restaurant, das im Hotel Lamm „Lamplstube“ heißt. Genau genommen ist die Lamplstube ein kleiner Raum mit drei Tischen, die am Fenster entlang platziert sind. Leise Musik füllt den Raum, ein weiterer Tisch ist besetzt. Heimlich wünsche ich mir, dass der dritte Tisch auch noch gefüllt wird. Unvermeidbar wäre sonst, das Gespräch am Nachbartisch kristallklar mitzuhören. Es ist das Dilemma intimer Restaurant-Settings. Wo viel Ruhe ist, schwindet schnell die Privatsphäre. Als Tisch drei ein paar Minuten später auch den ersten Winzersekt genießt und ins Plaudern kommt, wird spürbar, wie gut das dem gesamten Raum tut. Und der Service gibt alles, um dem Abend die nötige Lockerheit zu geben.

Marc Oberhofers Menü strahlt von Sekunde eins aus, dass man hier mit großen Ambitionen am Anfang einer Reise steht, die – so klingt es in Zwischentönen durch – durchaus bald gelb funkeln soll. Die Dramaturgie folgt einem klassischen Gourmet-Menü mit drei handwerklich gut gemachten Petitessen und sieben Gängen, die mehrere Ausrufezeichen setzen:

Hotel Lamm, Kastelruth

Kulinarische Ausrufezeichen

Ausrufezeichen eins ist ein Salat aus 37(!) Kräutern und Blüten des Aspingerhofs in Barbian, auf der anderen Seite des Etschtals. Das Faszinierende an derart heterogen konzipierten kulinarischen Gebilden ist die Einzigartigkeit jeder Gabel. Die Abertausend möglichen Kombinationen lassen sogar vermuten, dass hier noch nie jemand die exakt selbe Aromenkombination geschmeckt hat. Und jeder einzelne Biss gibt neue Nuancen frei, zwischen bitter, floral, süß, salzig und sauer. Die Tatsache, dass Marc Oberhofer seinen Salat mit einem zurückhaltenden Holunderessig abschmeckt, gibt der Qualität der einzelnen Zutaten den nötigen Raum. Toll!

Ausrufezeichen zwei ist ein Teil eines Suppen-Trios, das zu den Klassikern in der Lamplstube gehört. Auf einem langen Holzbrett gelangen drei Miniatur-Suppentöpfe an den Tisch, mit einer Karotten-Consommé, einer Minestrone und einer Ramen-Interpretation auf Basis von Hasenfleisch. Letztere ist von seidig-fettiger Geschmeidigkeit und aromatisch vollkommen anders als jede bisher genossene Brühe. Appetitliche Augen aus Hasenfett schwimmen oben auf und zarter Hasenschinken bildet die Einlage. Das ist so köstlich wie selten.

Ausrufezeichen drei ist das intensive Aroma des Zeburinds, das Oberhofer ins Zentrum des Hauptgangs stellt. Auch das stammt vom Aspingerhof und wird von der Küche des Hotel Lamm komplett verwertet. Teil des Gourmet-Menüs ist auch ein sehr gutes Beuscherl, ich esse ein Zebu-Carpaccio in der Halbpension als Vorspeise und auch der Zebu-Burger auf der Abendkarte zeugt vom Bestreben, dieses Tier in seiner Gänze zu veredeln.

Beste Basis für den Herbst auf der Seiser Alm

Am nächsten Tag meldet sich Harald Gasser, einer der beiden Masterminds des Aspingerhofs, per Instagram bei mir und erkundigt sich über mein Erlebnis. Dann sagt er einen bezeichnenden Satz: „Marc geht es um Gefühle. Er möchte wirklich wissen, was dahintersteckt.“ Eine Adelung aus dem Mund eines Lebensmittel-Pioniers.

Wir verbringen drei wunderschöne Tage auf und um die Seiser Alm, ganz im Zeichen des Genusses. In meinem Instagram Reel habe ich die schönsten Orte aufgelistet, die wir besucht haben – zum Abspeichern. Das Hotel Lamm hat sich dabei als wunderbarer Ausgangsort entpuppt. Kulinarisch ambitioniert, herzlich geführt und mit einer Lage, die für die Erkundung dieser surreal schönen Gegend im Herbst kaum besser geeignet sein könnte.

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